Montag, 16. Juli 2012

GESCHICHTE 2




Wartezone 
(ein älterer Text, in der Wartezone eines Amtes)

Grelles schneeglänzendes Licht welches die Augen blendet.
Ich sitze in der U-Bahn, ein Lächeln der Dame gegenüber, ich lächle zurück, sie hat ein interessantes Gesicht und einen wunderschönen Schal. Sie holt Manner Schnitten aus ihrer Tasche und bietet mir eine an. Ich sage ihr wie sehr mir ihr Schal gefällt und erfahre, dass dieser Schal von ihrer Mama gestrickt wurde, die jedoch schon lange tot ist. Sie erzählt mir dass sie jetzt zu ihrem sterbenden Sohn fährt.
Wir haben beide plötzlich Tränen in den Augen. Zwei Mütter die einander einen Augenblick lang sehr nahe sind. Ich würde sie gerne wiedersehen, traue mich aber nicht sie zu fragen. Meine Augen brennen wie Feuer.
Denke es sind die Kontaktlinsen, die alt sind, Nachfrage beim Fachmann wäre ein Weg den zu beschreiten Sinn macht. Ich bin extrem lichtempfindlich.
In der Wartezone angekommen. Ein Vater der mit seinem Sohn durch die Gänge springt, als Gegensatz sitzt ein anderer kleiner Junge ganz verängstigt neben seiner gelangweilten Mama. Eine Frau hält sich ihre Brüste als hätte sie Angst sie könnten wegfliegen. Handys klingeln oder sprechen mit ihren Besitzern.
Eine Frau kontrolliert ihre Unterlagen. Der kleine lustige Blondschopf animiert den schweigsamen und jetzt hüpft ein lustiges Duo durch den Raum. Ein Mädchen testet wie ihre Finger schmecken und beobachtet dabei die Jungs.
Meine Nummernfolge ist noch nicht weitergelaufen, seit einer halben Stunde die gleiche Nummer am Display.
Brrrrrr die Zunge des kleinen vibriert und er versucht zu spucken. Die Mutter lacht jedoch nur äußerlich. Die Zeit wird endlos für die Kleinen.
Ein Afrikaner mir gegenüber schaut unsicher umher. Vom Gesicht her könnte er Ghanese sein, bin aber nicht sicher. Ob ihm so viele weiße Leute Unbehagen verursachen? Er hat jedenfalls den traurigen Sonnenblick in den Augen. Arbeit, Geld nach Hause schicken, leben, überleben. Welches Schicksal hat ihn wohl hier nach Wien verschlagen. Sehe sehr viele Afrikaner in Wien. Dieser ist noch sehr jung. Denke an Kwasi, werde ich ihn jemals wiedersehen?
Mein Rücken schmerzt und ich ärgere mich, dass ich kein Strickzeug dabei habe.
Wenn es keine verschiedenen klingeltönende Handy´s gäbe, würde der ehemals normale Telefonklingelton völlig irritierend, aufschreckend wirken. Es würde sich jeder angesprochen bzw. angerufen wähnen. Dabei ist es nicht lange her, dass fast alle Telefone den gleichen Klingelton hatten. Ich wüsste gerne was meine Großeltern von der heutigen Handymanie halten würden. Sicher hätten sie sich genauso daran gewöhnt wie wir.
Ist der Mensch ein Gewohnheitstier? Ich vermute ja, er gehört sicher zur Gruppe der Säugegewohnheitstiere, mit Nesthocker Eigenschaften. Die etwas mutigeren Nestflüchter suchen sehr bald wieder ein Nest auf. Sie alle statten es vorzeigbar, repräsentativ, beneidenswert, prunkvoll, kostbar, anstatt gemütlich, wohnlich, bequem, praktisch und warm bzw. im Sommer kühl aus. Die Erfindungen oder Experimente sind auffällig vielfältig. Selten diskret. Die Baumeister und Architekten sind geradezu erpicht darauf, ja nicht übersehen zu werden. Sie bauen höher, breiter, runder, glänzender durchsichtiger, organischer, spitzer, verschachtelter und vielleicht sogar schiefer als der Konkurrent. Die äußere Hülle ist meist alles.
Wie fühlt man sich in einem Glashaus, im verschachtelten, hohen, runden, spitzen und eventuell schiefen Gebäude? Ist es wie auf einem spektakulär geformten Sitzmöbel, interessant aber unbequem? Beobachtet, verloren im Raum der Repräsentation? Präsentiert im Schaukasten der Eitelkeiten?
Die Nester der Vögel sind nicht auf Prunk ausgerichtet. Stabilität, Schutz vor Wind, gut getarnt um die Brut zu schützen und doch sind allesamt  statische Wunderbauten.
Gut durchdacht, die Windrichtung berücksichtigt, auf die Sicherheit der Winzlinge bedacht. Ein- und Ausgänge auf Bequemlichkeit, Wärme und Schutz ausgerichtet.
Es gibt einzelne Überlegungen von feinfühlenden Geistern der Architekturplanung, jedoch scheitern sie oft an den zu hohen Kosten, die eine organische Architektur noch benötigt. Die Masse, die Norm ist auf  billig und den allgemein geltenden Standard ausgerichtet. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer, Bad, Küche, Flur. Dies ist fast weltweit gültig. Einzelne herausragende Projekte, die den Energiebedarf und das Leben einer Familie berücksichtigen. Auch die Tatsache, dass die Kinder einmal das Haus verlassen, wird das berücksichtigt? Aus Kostengründen werden Großprojekte konzipiert, die wie Bienenstöcke anmuten.
Ist das lebenswert? Wo bleibt die individuelle Entfaltungsmöglichkeit?
Mietskasernen nach dem Vorbild von Massenunterkünften auf Minimalbedarf ausgerichtet.

Meine Gedanken sind weit spazieren gegangen und ich sitze immer noch in der Wartezone, noch sechs Nummern sind vor mir. Die Kinder haben es bereits überstanden. Jetzt sind hier Erwachsene unter sich. Hungrige, unruhige, ungeduldig wartende. Die Un-Generation. Ich wünschte nur auch schon wieder auf dem Heimweg zu sein.
Draußen hat sich der Schnee auf Häuser, Bäume und Grünanlangen gesetzt. Die Straßen sind wieder dunkelgrau. Das Salz wurde wohl aus Sicherheitsgründen großzügig verstreut. Grundwassergedanken.... Die Sonnenstrahlen wischen die Grundwassergedanken zur Seite. Es gibt so viele dringend wichtigere Gedanken. Verantwortungsvoll leben? Was kann ich als kleines Rädchen tun? Jeder kleine Schritt ist wichtig.
Ein Hahn kräht laut durch die Wartezone, es ist ein Handy-Klingelton.


Kurze Zeit danach, habe ich beschlossen ein Domizil auf dem Land zu suchen, habe es gefunden und kann jetzt viele Dinge vielleicht etwas verantwortungsvoller angehen. 
Die Lebensqualität mit Garten und eigenem Gemüseanbau konnte ich verwirklichen, aber es ist noch viel zu lernen. Besonders nach dem Hagel gibt es neue Erkenntnisse. Ich sammle Stöckchen und Flechten, Rinden und beabsichtige eine Collage zu entwickeln. 

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